Vernissage am 14.08.15

LAUDATIO von Gerhard Hallen, Schwerte

Einführung zur Ausstellungeröffnung M. Fünffinger/ N. Hienckes am 14.8.15 in Hainfeld

Im 19. Jahrhundert herrschte selbst in akademischen Kreisen die Auffassung, Kunst habe die Realität unmittelbar abzubilden. Künstler, wie zum Beispiel der heute hoch geschätzte William Turner (1775-1851), wurden nicht verstanden, wenn sie in die Abstraktion vordrangen. Unter anderem die Fotografie brachte den Umbruch. Sie übernahm die Aufgabe der Abbildung von Realität, und dem Künstler wurde das Schaffen aus den Gründen seiner eigenen Seele gestattet.
Diese neue Freiheit kann freilich dazu führen, dass der Betrachter die Werke z. B. der zeitgenössischen Malerei nur dann verstehen kann, wenn er die Absichten des Künstlers versteht, oder gar seine Psyche studiert hat. So hat ein lieber Kollege, ich habe eigentlich nur liebe KollegInnen, einmal gemeint, dass er keine Lust habe, den Psychologen eines Künstlers zu befragen, um einen Zugang zu dessen Werk zu bekommen.
Dieses Bemühen ist bei unseren beiden Künstlern, deren Arbeiten wir am heutigen Abend erleben dürfen, nicht notwendig. Sie sind dem Betrachter zugewandt und ermöglichen uns ohne Hemmschwellen einen neuen Zugang zu einer grandios gestalteten neuen Realität.
Bei Marika Fünffinger erleben wir in jedem ihrer Aquarelle einen souveränen Umgang mit Licht, Farbe, Form, sich auflösender und verfestigender Kontur. Die Bilder sind phantastische Kompositionen, die zwar die Realität eines Ortes abbildet, doch lässt uns ihr Umgang mit dieser Realität einen neuen Blick darauf werfen. Das heißt: Sie lässt uns Anteil nehmen an ihrer Inspiration.
Das in ihren Bilder Dargestellte erscheint als Blick ins Weite, Ganze – oft als etwas, was wie aus Licht erstanden ist. Wenn wir ihre Skizzenbücher studieren, erleben wir, mit welch akribisch beobachtender Vorarbeit sie sich das erringt. Da sehen wir Personen, die mit mehr oder minder griesgrämiger Miene in einem Flughafenterminal auf ihren Abflug warten. Wir sehen einen Terrier in verschiedenen Situationen – mal aufschauend, dann wieder auf dem Boden liegend und alle Viere von sich streckend oder auch an der Leine seines Herrchens. Wir sehen Personen in den unterschiedlichsten Gangarten und auch architektonische Elemente, die in allen Einzelheiten festgehalten wurden.
Diese Details bilden die Grundlage für die großartigen Totalen Marika Fünffingers, in denen die Mienen der Passanten einer Straßenszene nur noch angedeutet sind oder gar im Licht verschwimmen, in denen sich die Konturen einer Barockfassade mit ihren zahllosen Details in fließendem Farbenspiel auflösen. Was im Skizzenbuch minutiös ausgearbeitet wurde, löst sich nunmehr so weit auf, dass der Blick des Betrachters in die Stimmung einer Stadt, einer Straße, einer Landschaft eintauchen kann.
Im scheinbaren Gegensatz dazu arbeitet Nico Hienckes seine hier ausgestellten Collagen und Materialbilder aus. Wie er es in einem seiner auch für den Laien gut zu verstehenden und zugleich genial gestalteten Bücher beschreibt, erlebt er zum Beispiel in Venedig die morbiden Fassaden der alten Häuser in der Totalen. Darin geht er vollkommen auf. In den folgenden Tagen fährt er die gleiche Passage noch einmal ab und konzentriert seinen Blick auf Einzelheiten, wie Rostspuren von Stabilisierungsankern an der Wänden, abbröckelnden Putz, vom Zahn der Zeit bedrängte Ornamente und vieles andere mehr. Er nimmt die Details mit der Kamera auf, reproduziert sie und bringt sie in seinen Kollagen in einen vollkommen neuen Zusammenhang.
Nicht nur die Details an zerfallenden Fassaden, sondern alles, was von unserer Zivilisation als Nichtbrauchbares abgelegt wurde, ist Gegenstand seines Interesses: Altes, rostiges Eisen, wie alles Patinierte, wie alte, staubige Dokumente, finden bei ihm liebevolle Aufnahme in seinem Lager, um dann, irgendwann einmal, wenn eine Inspiration dazu gekommen ist, in einen neuen Zusammenhang gebracht zu werden – wie zum Beispiel die wundervollen Sprüche zum Thema Wein oder die rostigen Nägel, die in den kleinen Materialbildern zu Herzen verarbeitet wurden.
Seit seiner Reise nach Indien vor einigen Jahren hat ihn die Farbe blau in seinen Bann gezogen, und so sehen Sie hier, dass Blau sich mit Rost verbindet, mit den verschiedenen Patinierungsstufen von Kupfer und vielem anderen mehr. Material, Form und Farbe finden in den Bildern zueinander, bilden einr Harmonie, einen Mikrokosmos, der uns unmittelbar anspricht.
Das braucht seine Vorbereitung. Und so legt Nico Hienckes für jedes seiner Bilder ein solides Fundament. Sie werden in mehreren Schichten angelegt. Wie er das anlegt, lassen Sie sich bitte von Ihm beschreiben, denn seine Art, darüber zu sprechen, ist schon des Zuhörens wert. Mich erinnert es an die andachtsvolle Arbeit der Ikonenmaler, die ihre Bilder wie aus dem Nichts der weißen Leinwand in zwölf Schichten anlegen, bis am Ende, als dreizehnte Schicht, die Firnis aufgetragen wird. Nico Hienckes hat zweifellos eine ans Religiöse grenzende Andacht zum Kleinen, die das Abgelegte, Weggeworfenen neu belebt, ja, neu erschafft.
Wie wirken die Arbeiten dieser beiden Künstler?
Sie haben viele erfolgreiche Ausstellungen bestritten, ihr Konzept in ihren Internetauftritten und Büchern schlüssig dargelegt. Dass Frau Fünffinger eine große Fangemeinde hat, sehen wir am guten Besuch dieser Vernissage. Und doch will man wissen, ob die Menschen, die nicht solch eine Veranstaltung wie die heutige ausuchen, auch angesprochen wären.
Nico Hienckes zählt unter anderem Jean Claude Juncker und Juan Antonio Samaranch zu seinen ‚Kunden‘. Der beste Beleg für seine Popularität ist ein Designer-Wettbewerb, zu dem 2001 eine Brauerei in Zusammenarbeit mit dem FC Kaiserslautern aufrief. Unter hunderten Bewerbungen schaffte es Nico Hienckes nach dem Urteil einer kompetenten Fachjury unter die besten drei. Dann stimmten zehntausende Fans im ausverkauften Stadion des FCK über den Sieger ab. Nico Hienckes gewann den ersten Preis. Seine Kunst ist zugänglich, pfiffig, humorvoll und virtuos. Das werden Sie gleich bei der Begegnung mit Rost und Blau erleben.
Welche Wirkung die großartigen Aquarelle Marika Fünffingers auf den von Kunst unberührten Betrachter haben, erlebten wir, meine Frau und ich, in der Burrweiler Gaststätte von der Leyen. Dort sind viele Aquarelle der Künstlerin ausgestellt. Oder besser: Sie hängen da einfach an der Wand – im Sinne der Künstlerin im besten Sinne unprätentiös. Da meine Frau und ich an einem Sechsertisch Platz genommen hatten, gesellte sich ein Ehepaar zu uns. Das ist in der Pfalz so üblich und führt zu schönen Gesprächen und manchmal auch zu Freundschaften. So ist die Pfalz.
Nun berichtete der Ehemann von seiner Arbeit in der EDV-Abteilung eines großen Konzerns. Dabei bemerkte er mit einem scheuen Blick auf die Aquarelle, dass er mit Kunst noch nie was „am Hut gehabt habe“. Wir baten ihn trotzdem, eines der Aquarelle „einfach mal“ anzuschauen. Er fühlte sich zwar ein wenig genötigt, entsprach aber unserer Bitte. Mit einem Male lichtete sich seine Miene auf. Fasziniert schaute er auf das Bild, und er sagte:
„Das gefällt mir.“ Nachdem er das Gemälde eine Weile nahezu andachtsvoll bewundert hatte, fügte er hinzu:
„Und es ist schön.“
Darin dokumentiert sich das, was unsere beiden Künstler leisten: Sie verwandeln unsere Wirklichkeit, bringen sie uns auf eine neue Weise dar. Unser ständig reger Verstand schweigt und nimmt staunend wahr. Wir begreifen: Durch unser Empfinden nehmen wir an Neuschöpfungen Anteil, die Marika Fünffinger und Nico Hienckes für uns leisten. Die Welt wird durch sie reicher – und wir auch. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute Abend viele gute Begegnungen und Inspirationen.